Evangelisch rund um den Rodgau

Die Konferenz der Flüsse

von Pfarrer Detlef Hellmann (Klein-Auheim)

„Mir reicht's", donnerte der Rhein und berief, erstmals seit es Menschen auf der Welt gibt, die Konferenz der Flüsse ein. Vorsitzender der Konferenz war das weltumspannende Meer. Jeder kleine Bach, der in einen Fluss fließt, behält sein Wesen und seine Erinnerung; er hört nie ganz auf zu existieren, sondern verschmilzt mit dem nächst größeren Fluss und schließlich mit dem Meer zu einer Einheit. Nach und nach meldeten sich alle Bäche und Flüsse der Erde zur Stelle.

„Ihr wollt wissen, warum ich Euch zur Konferenz gerufen habe?", fragte der Rhein. „Ich will eine große Beschwerde führen gegen die Menschen. Vor einiger Zeit haben sie wieder in meinen jüngeren Teil Unmengen von Chemie hineingeschüttet - natürlich alles harmlos. Nur alle meine Fische im Oberlauf sind dabei eingegangen. Ich stinke zum Himmel vor Leichen. Das war nicht das erste Mal, und mir reicht's jetzt! Ich kann so nicht weiterfließen!"

Der Vorsitzende der Konferenz, das Meer, erteilte dem gewaltigen Amazonas das Wort. „Ich fließe nun schon unendlich lange durch Südamerika", begann er in seiner breiten, trägen Art zu reden. „Immer haben die wenigen Menschen an mir gut gelebt und ihre Fische gefangen. Nichts konnte mich bisher aus der Ruhe bringen, aber jetzt ... Ihr in Europa habt kein DDT in Euren Strömungen! Aber bei mir sind damit alle Fische verseucht und viele sterben."

Eine lange Pause folgte, denn dass sich der Amazonas, dieser ruhige Fluss, so aufregen würde, das hatte niemand erwartet.

„Wo steckt der kleine Pripjat?" fragte das Meer. „Hier", plätscherte es von weit her. „Was soll dieser Winzling schon berichten", donnerte der auch nicht viel größere nordamerikanische Susquehanna. „Nur ruhig Wasser", fiel das Meer dazwischen. „Ihr braucht nicht auch noch den Ost-West Gegensatz der Menschen auf uns zu übertragen."

„Ja, das ist richtig", plätscherte der kleine Pripjat, der durch den Dnjepr und das schwarze Meer in das Mittelmeer gelangt. „Wir hatten nämlich beide einen Atomunfall an unseren Ufern. Bei mir in Tschernobyl war das natürlich schlimmer, als bei Dir. Eine ganze Landschaft wurde verseucht, aber keiner redete davon, dass ich voll war mit dieser Radioaktivität."

„Das war bei mir ähnlich", gestand jetzt der Susquehanna. „Als bei mir vor 30 Jahren am 27. März Harrisburg leck schlug, da habe ich auch gestrahlt. Noch heute sterben in dieser Gegend Menschen an Krebs; nur niemand will den Zusammenhang mit dem Unfall wahrhaben."

„Das ist ja zum Überschwappen“, brauste das Meer. „Gibt es noch mehr Beschwerden?“ Da erzählte die Mosel von ihre Aufheizung durch das Atomkraftwerk Cattenom, und der Bach Adda in Italien wusste von dem schrecklichen Giftgas zu berichten, das 1976 in Seveso die Tiere und Menschen qualvoll umbrachte. Auch er musste viel von diesem Gift schlucken. Ähnliches bestätigte der Narbada aus Indien. Dort war vor 25 Jahren in Bhopal Giftgas vielen Menschen zum Verhängnis geworden und der Narbada hatte viele verendete Tiere zu beseitigen.

Nach und nach meldeten sich alle Flüsse und erzählten von Vergiftungen durch die Menschen. Schließlich erzählt noch das Meer von Ölfluten, Dünnsäuren, von radioaktiven Atollen und giftigen Pflanzenschutzmitteln in Afrika. Alle waren sehr betroffen, denn jeder Fluss hatte gedacht, nur ihm ginge es schlecht.

„Was wollen wir machen?“ fragte das Meer. Der Rhein, der ja die Konferenz einberufen hatte, meldete sich zu Wort: „Ihr wisst ja, dass ich ein ruhige alter Fluss bin, der nicht so schnell nach radikalen Maßnahmen ruft. Aber mir reicht es jetzt! Ich schlage vor: Wir geben den Menschen noch ein kurze Frist, sich zu bessern. Tun sie es nicht, dann treten wir geschlossen über die Ufer."

Begeistert schlugen alle Flüsse mit den Wellen, dass es auf der ganzen Welt an die Ufer klatschte. „Jeder Fluss ist hiermit aufgerufen zu beobachten, ob sich die Menschen endlich bemühen, uns sauber zu halten. Sollte sich bis zur nächsten Konferenz nichts ändern, treten wir alle über die Ufer.“

So schloss die Konferenz der Flüsse. Und das ist alles schon eine ganze Weile her ...