von Boris Slamka,
Referent für Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche im Kreis Offenbach, Dekanate Rodgau und Dreieich
Der Blick auf die große Tafel war schon so sehr zur Routine geworden, dass kaum jemand in dem großen Saal die Veränderung sofort bemerkte. Die weiße Linie, die sich dort vor dem schwarzen Hintergrund abzeichnete, hatte seit Anfang des Monats ihren Winkel verändert. Sie, die sich so viele Jahre ihren Weg von der unteren linken Ecke der Tafel in Richtung der oberen rechten Ecke gebahnt hatte, war nun von einem kleinen Buckel gekennzeichnet und zeigte eher geradeaus als nach oben.
Einige der in schwarzen Anzügen gekleideten Herren im Saal hatten schon, mehr flüsternd, das Wort „Stagnation“ verlauten lassen, während sich andere kopfschüttelnd weggedreht hatten. Dennoch konnte niemand leugnen, dass sich die weiße Linie sogar ein wenig nach unten bewegte, auf die horizontale gestrichelte Linie zu, an deren Ende die Zahl „300“ vermerkt war.
Richard Whitney war einer der ersten, dem an diesem Vormittag die neuerliche Veränderung auf der großen Tafel auffiel. Er hatte eben zum wiederholten Male die Spitze seines Bleistifts abgebrochen, als er nach dem automatisierten Blick auf die Tafel innehielt. Die weiße Linie hatte ihre Gestalt abermals verändert. Es sah nun so aus, als ließe sie ihren dünnen Kopf hängen. Im selben Moment war Whitney von seinem Schreibtisch aufgesprungen und an das Geländer der Balustrade gestürzt. Er sah unten im Saal einen jungen Mann, der auf die große Tafel zuhastete und dabei einen Stapel Papiere achtlos fallen ließ. Ein anderer stand so plötzlich von seinem Stuhl auf, dass dieser nach hinten umfiel. Das Geräusch des fallenden Stuhls war jedoch nicht mehr zu hören.
Wie in einem erwachenden Bienenkorb hob das Gemurmel zu einem lauten Summen von Stimmen an. Und plötzlich, Richard Whitney hatte es kommen sehen, brach sich das Chaos bahn. Spitze, panische Rufe kämpften gegeneinander an, Menschen liefen scheinbar ohne Ziel durcheinander, Papier flog durch den Saal wie Laub an einem stürmischen Herbsttag. Whitney stieg die Holztreppe hinab und betrat den Saal. Er wusste, dass er handeln musste und befürchtete gleichzeitig, dass es schon zu spät dafür war.
Der „Schwarze Freitag“ am 29. Oktober vor achtzig Jahren, der eigentlich ein Donnerstag war, erschütterte die New Yorker Börse wie ein Erdbeben. Der Dow Jones war seit 1923 kontinuierlich gestiegen und hatte im September 1929 mit über 380 Punkten seinen Wert im Vergleich zu 1923 fast vervierfacht. Im Oktober 1929 schließlich platzte die riesige Spekulationsblase, die mit ungedeckten Krediten, massiver Überproduktion und nie gehaltenen Versprechen gefüllt war.
Zwar versuchte Richard Whitney, der Vizepräsident der New Yorker Börse, mit umfangreichen Aufkäufen im Auftrag amerikanischer Großbanken den Sturz der Kurse zu verhindern – sein mutiger Versuch des Gegensteuerns blieb ohne entscheidende Wirkung. Schon am 29. Oktober verloren die börsennotierten Unternehmen an der Wall Street über 11 Milliarden Dollar an Wert. Viele weitere Milliardenverluste in den USA und weltweit sollten folgen. Unternehmen, Banken, Staatsanleihen und Vermögenswerte von Bürgern fielen dem Kurssturz an der Wall Street zum Opfer.
Dieser Zusammenbruch setzte sich in der global vernetzten Weltwirtschaft fort und erreichte mit nur kurzer Verspätung die Ökonomie der anderen Kontinente, dort wo er seinerseits zu großen ökonomischen und gesellschaftlichen Erschütterungen führte.
In Deutschland ließ die Weltwirtschaftskrise den Schimmer des Goldes der „Goldenen Zwanziger Jahre“ verblassen und trug einen großen Teil dazu bei, dass daraus nur wenige Jahre später das graue Metall der Stahlhelme werden sollte.
Achtzig Jahre später sind uns die Schwarzweiß-Bilder und Filme von 1929 einerseits entrückt und fremd: An ihnen haftet die Patina des Vergangenen, des Gewesenen. Dass uns der „Schwarze Freitag“, seine Ursachen und seine Folgen andererseits dennoch so vertraut und nah erscheinen, ist ein verstörendes Gefühl.