Evangelisch rund um den Rodgau

Jahreslosung 2010


von Pfarrer Carsten Tag,
Dekan des Evangelischen Dekanats Rodgau

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 14, Vers 1:
„Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Hanns Dieter Hüsch, der menschenfreundliche Kabarettist vom Niederrhein, hat einmal eine ganz wunderbare Geschichte erzählt:

„Ein junger Mann, Paul, flüchtet aus einer Anstalt und verbringt die Nacht in einem leeren Güterwaggon. Allein im Dunkeln und mit seiner Angst schreibt er mit Kreideresten die Wände des Waggons voll mit all dem, was ihn bewegt.

Im Licht des neuen Morgen aber hat sich alles verwandelt. Überall, an den Wänden und unter der Decke und sogar auf dem Boden des Waggons, steht
deutlich zu lesen: 'Fürchte dich nicht!' Und es wäre nicht wegzuwischen gewesen, sagt Paul.“

„Fürchte dich nicht!“ – das ist für mich auch der Kern der Jahreslosung für 2010, in der Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern beim letzten gemeinsamen Mahl zuruft:

„Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“

Die Menschen um Jesus wussten nicht, was auf sie zukommen wird, als Jesus ihnen diese Worte sagt. Sie wussten nichts von der bevorstehenden Gefangennahme ihres Meisters, geschweige denn von seiner Hinrichtung.

„Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich."

Wenn wir jetzt in ein neues Jahr hineingehen, dann wissen auch wir nicht, was uns erwarten wird. Denn obwohl wir uns ständig bemühen, die Kontrolle zu behalten, trotz aller Pläne, die wir schmieden, um unsere Ziele zu erreichen – die wirklich wichtigen Dinge liegen nicht in unserer Hand allein: Ob ich oder die Meinen gesund bleiben. Ob der Arbeitsplatz erhalten wird, der mir das notwendige Einkommen verschafft und auch ein Stück Selbstverwirklichung. Ob die Beziehungen, die wirklich wichtigen, auch im neuen Jahr bestehen werden.

Aber auch jenseits meines eigenen, persönlichen Horizontes gibt es viele offene Fragen, die Frieden, Klimagerechtigkeit und ausreichende Versorgung für alle Menschen berühren und die für erhebliche Unsicherheit und Unruhe sorgen.
Wenn ich ehrlich mit mir bin, muss ich mir eingestehen: In Wirklichkeit ist ziemlich vieles offen und mir unbekannt. Diese Offenheit halte ich nur schwer aus, denn sie geht mit Unsicherheit einher. Es liegt eben doch nicht alles an mir, ist nicht alles mit meinem Willen und meinem Einsatz beeinfluss- und steuerbar.

„Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich."

Diesen Zuspruch spannt die Jahreslosung wie ein schützendes Dach über das Jahr 2010.

Diese tröstenden und ermutigenden Worte meinen allerdings nicht, dass alles mit 100% Sicherheit schon irgendwie gut gehen wird. Denn der Trost der Jahreslosung liegt nicht im Versprechen, dass „alles gut" wird. Er liegt in der Zusage Jesu, dass Gott mitgeht. Komme, was wolle.

In dieser Zusage schimmert die andere Wirklichkeit durch, aus der heraus Jesus diese Worte spricht: Es ist die Wirklichkeit Gottes. Diese Wirklichkeit umspannt Anfang und Ende, Gesundheit und Krankheit, Frieden und Zerstörung. In ihr ist all dies aufgehoben, aufgehoben in der Hand Gottes.

Deshalb brauchen wir trotz aller Offenheit und Unsicherheit nicht zu erschrecken oder uns zu fürchten. Sondern dürfen mit Gottvertrauen und Gelassenheit in das neue Jahr gehen.

Amen.