von Pfarrerin Leonie Krauß-Buck,
Evangelische Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen
Der Monatsspruch für Februar 2010
– aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 15, Vers 11:
"Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen."
Manchmal geht es in der Bibel erschreckend direkt zu. Nichts ist gegen eine klare Sprache einzuwenden, aber wenn einem auch noch die kleinste Illusion geraubt wird…
Lesen Sie doch den Monatsspruch für Februar ein zweites und ein drittes Mal! Ist dieser erste Satz im Grunde nicht eine Unverschämtheit? Er setzt voraus, dass sich nichts ändern wird, so sehr wir uns auch bemühen. „Die Armen werden nie ganz aus deinem Land verschwinden“, heißt es im 5. Buch Mose und man könnte im Jahr 2010 fortfahren, „trotz aller Förderungsprogramme und Steuerverschiebungen und Mindestgehaltdiskussionen und anderer Bestrebungen.“
Dabei malt die Bibel doch auch diese wunderschönen Bilder vom Reich Gottes, das auf seine Vollendung wartet und eines Tages allen Menschen Gerechtigkeit widerfahren lassen wird.
Auf der anderen Seite: Die klaren Worte lassen einem keine Chance, sich hinter Theorien und Theologien zu verschanzen. Im Auftrag Gottes legt der Schreiber des Buches den Finger in die Wunde und sagt deutlich, was Sache ist. Und wir müssen bestätigen: „Ja, es wird immer Arme in unserem Land geben, aus welchen Gründen auch immer. Im Leben lässt sich eben nicht alles hundertprozentig durchorganisieren. Es gibt viele Gründe, warum Menschen arm werden und es auch bleiben. Nicht immer lässt es sich verhindern.“
Und weil das so ist, sollen wir nicht nur darüber reden und nachdenken, wie das kommt und welch ein Elend das ist, sondern Gott legt uns eine Pflicht auf, zu handeln. In der Bibel bezieht sich das Handeln auf das so genannte „Erlassjahr“, das alle sieben Jahre in Israel stattfinden sollte. Im Hinblick darauf galt es etwa, Schulden zu streichen, Sklaven freizulassen und die Hand für die armen Brüder zu öffnen.
Gemeint sind allerdings auch wir heute – und nicht nur alle sieben Jahre. Und viele von uns öffnen ihre Hände. Die meisten definieren inzwischen in Zeiten der Globalisierung sogar „Land“ neu. Sie verstehen darunter die ganze Welt und das ist gut so. Wer sollte sonst in Haiti den Erdbebenopfern zur Seite stehen?
Viele öffnen ihre Hand ganz unspektakulär und im Verborgenen. Andere wieder nutzen die gute Tat, um für sich und ihre Ziele zu werben.
Wie auch immer: Gehen wir nicht achtlos an den Menschen vorbei, die Hilfe brauchen! Ganz sicher öffnet dann auch für uns einmal einer die Hände, sollten wir in Not sein.