Evangelisch rund um den Rodgau

2010 – ein Jahr der Stille?


von Pfarrer Ralf Richter,
Evangelische Kirchengemeinde Obertshausen


Evangelische Christen im Land haben das Jahr 2010 zum Jahr der Stille erklärt. Ganz offensichtlich sind wir Menschen des 21.Jahrhunderts zu laut. Straßenverkehr, Luftverkehr, Autobahnen und Einflugschneisen sorgen Tag und Nacht für einen unguten (und ungesunden) Lärmpegel gerade auch in der Rhein-Main-Region. Orte der Stille sind Mangelware geworden.

Ein Jahr der Stille heißt aber nicht nur zu lernen, weniger Lärm zu verursachen, langsamer zu machen, sondern still zu werden und hinzuhören. Hören wir noch die Vogelstimmen in den Büschen und Bäumen, das leise Ticken unserer Armbanduhr oder auch das Wimmern der kranken Nachbarin?

Was lässt uns innehalten und aufhorchen? Beim Propheten Habakuk heißt es: „Der HERR aber ist in seinem heiligen Tempel. Werdet still, erweist ihm Ehre, ihr Menschen der ganzen Erde! (Kapitel 2,20). Als Kind lernte ich, beim Betreten einer Kirche ganz still zu sein. Voller Ehrfurcht stand ich dann in riesenhaften Räumen, die kühl und dämmrig in eine andere Welt entführten. Hier sollte Gott wohnen, hier sollte er mir begegnen. Hier war Stille und Ehrfurcht angesagt.

Wer Gott begegnen will, muss still werden, schweigen, ihm Ehre erweisen, sich vor ihm beugen. Anders wären wir zu laut, um Gott zu hören.

In unserem Gottesdienst kennen wir auch eine sogenannte Zeit der Stille: Eigentlich sind es nur zwei oder drei Minuten, die dazu einladen, innerlich vor Gott zu treten und zu schweigen: mit dem Herzen zu seufzen, mit dem Herzen zu hören. Manchmal ist mir die Zeit viel zu lang, manchmal aber auch viel zu kurz.
Es braucht Zeit, um der lauten Welt zu entfliehen und in Gottes Welt anzukommen. Und manchmal will es schier nicht gelingen: Zu laut sind die Gedanken in mir. Zu laut schreien die Dinge, die zu erledigen sind, die vergessen gegangen sind, die Mühe und Sorgen machen, die Erinnerungen an dies und das, und die Befürchtungen im Blick auf die neue Woche. Wer kann da still werden, wenn es in einem schreit und einem zum Schreien zumute ist?

Von Jesus heißt es einmal: Jesus stand auf, sprach ein Machtwort zu dem Sturm und befahl dem tobenden See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es wurde ganz still. (Markus 4,39).

Jesus spricht ein Machtwort. Er kann das, und er kann damit sogar den Lärm der See, und das ängstliche Schreien seiner Jünger im Boot besänftigen. Stille beginnt auch heute noch da, wo Jesus in mein Leben tritt, und wo er sein Machtwort spricht: Alles um mich her wird still. Ich werde still. Ich kann hören. Ich kann staunen. So, wie die Jünger damals staunten und sich fragten: »Wer ist das nur, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen!«  (Markus 4,41)