von Pfarrer Andreas Goetze,
Evangelische Emmausgemeinde Jügesheim
„Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander ... und es erschienen ihnen Zungen zerteilt wie vom Feuer … und sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist.“ (aus der Apostelgeschichte 2, 1-4)
„Ein gewaltiger Sturm tobte vom Himmel, Feuerzungen fielen vom Himmel herab, und auf einmal verstanden alle einander“ – wie in einer perfekten Fernsehshow schildert die Apostelgeschichte, wie die Jünger Jesu und viele andere Menschen vom Heiligen Geist erfüllt wurden. Da ist alles durcheinander gewirbelt.
Vielleicht sind es solche starken Bilder, die uns modernen Menschen den Zugang zum Pfingstfest verstellen.
Was sollen wir schon mit der „Ausgießung des Heiligen Geistes“ anfangen? Dabei ist es gerade dies Pfingstereignis, das überhaupt christliche Gemeinden in der ganzen Welt entstehen ließ: die Geburtsstunde der Kirche! Und es geht noch um mehr!
Die Frage nach dem Heiligen Geist – moderner als man denkt
Wilhelm Wilms versucht seine Annäherung an die Frage, was uns im Leben bestimmt, welcher Geist uns bewegt und uns prägt:
die frage ist
wo ist oben
was ist oben
wer ist oben
denn je nachdem
was bei uns oben ist
kann man sich ausrechnen
was auf uns herabkommt
welcher geist
ist das geld oben
kommt der geist des geldes
auf uns herab
ist die wirtschaft oberstes prinzip
kommt dieser geist auch auf uns herab
und über uns
ist jesus für uns oben
dann kommt auch der geist jesu
auf uns herab
Kurz gesagt: Immer das, was bei uns „oben“ ist, das kommt auf uns herab. Das prägt uns, das beherrscht uns. Als Hitler für das deutsche Volk „oben“ war, da kam der Geist dieses Mannes auf unser Volk herab: der Geist des Hasses auf Andersdenkende, auf alles Fremde, Andersartige.
Wes´ Geistes Kind sind wir? Wer ist bei uns „oben“? Wem haben wir unser Leben verschrieben?
Ist das Geld „oben“, dann kommt der Geist des Geldes auf uns herab: Gier, Neid, Rücksichtslosigkeit, Undankbarkeit, Zerstörung der Schöpfung und von Beziehungen, Gottlosigkeit. Alles muss funktionieren. Alles wird dem Effizienzgedanken unterstellt.
Ist Jesus für uns „oben“, dann kommt sein Geist auf uns herab: der Geist der Liebe, der ansteckenden Freude, der Solidarität mit den Schwachen, der Geist der Vergebung, der Selbstbeherrschung, der Hoffnung in Verzagtheit, der zärtlichen Kraft Gottes, der Geist des Widerstandes gegen das Böse und die korrumpierende Macht.
Verwandlung ist möglich
In der Apostelgeschichte kann man sehr schön nachlesen, wie der Geist Menschen verwandeln kann. Er verwandelt kritiksüchtige Menschen, dass sie erst einmal anfangen, Selbstkritik zu betreiben und es so lernen, ihre Mitmenschen barmherziger zu betrachten.
Der Geist führt reiche Menschen dahin, dass sie fähig werden, zu teilen und loszulassen von dem, was sie bisher so ängstlich festhielten.
Der Geist macht aus Schweigern Menschen, die sich zu Jesus bekennen und die anfangen, andere Menschen auf Ihn, auf Jesus, hinzuweisen.
Der Geist macht Menschen, die bisher dem Individualismus frönten, gemeindefähig und lässt sie in der Gemeinde lieben lernen. Und das fängt erst einmal damit an, andere nicht zu verklagen.
Der Geist zeigt jedem Menschen seine Lebensaufgabe und befähigt ihn, diese Aufgabe auch zu erfüllen. Er befähigt ihn mit Gaben, von denen er vorher nicht einmal zu träumen wagte.
Christinnen und Christen müssen nicht aus eigener Kraft heraus leben. Wo sie es tun, werden sie kläglich scheitern. Das Geheimnis einer christliche Existenz ist: Es ist eine geleitete, eine von Gott begeisterte, eine beschenkte Existenz. Christ sein besteht ganz stark aus dem Hören darauf, wohin der Geist Gottes eine bzw. einen leiten will. Darum ist so etwas wie die tägliche „Stille Zeit“ oder andere Auszeiten so wichtig, wo man sich einfach nur Zeit nimmt, in der Bibel zu lesen, zu beten und auf die Stimme Gottes zu hören, sich sozusagen täglich aufs Neue von Gott begeistern zu lassen.
Pfingsten liegt noch vor uns
Ich frage mich manchmal, ob Pfingsten wirklich hinter uns oder noch vor uns liegt. Wenn ich die Apostelgeschichte ernst nehme, dann ereignet sich Pfingsten dort, wo Menschen in Jesus mehr und mehr Vertrauen gewinnen und Glauben fassen – und zwar einen Glauben, der in der Liebe tätig wird.
Pfingsten ereignet sich dort, wo Menschen sich von Gott leiten lassen und anfangen, über ihren eigenen Schatten zu springen und unter dem Einsatz von Zeit und Phantasie, Geld und Liebe und viel Gebet dafür zu sorgen, dass die Gemeinde, dass das Gottes Reich weltweit wächst. Und das heißt für mich: dass Frieden und gerechte Verteilungsstrukturen weiterentwickelt und hierarchische Gewaltstrukturen abgebaut werden.
Solange das in unserem Leben noch nicht Wirklichkeit geworden ist, haben wir Pfingsten tatsächlich noch vor uns. Vielleicht dient dieses Fest ja dazu, dass das Feuer noch ein bisschen größer wird. Lassen Sie sich dafür begeistern?