Evangelisch rund um den Rodgau

Mehr als die Bilder zeigen: beteiligt sein


von Pfarrer Martin Franke,
Evangelische Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen


"Steh auf, nimm Dein Bett und geh hin!"
(aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 5)

War es das Kerzenlicht? Der majestätisch hohe Raum des Königsmünsters? Oder die Lieder, die wir zu Hunderten gemeinsam sangen? Mich hatte die Idee begeistert, den Jahreswechsel ohne Knallerei in Stille zu beginnen. Gemeinsam bereiteten wir eine ökumenische Mitternachtsmesse im Kloster Meschede vor.

Die Begeisterung der katholischen Geschwister für eine jährlich erteilte Sondergenehmigung des Paderborner Bischofs, dass wir selbst das Abendmahl in Brot und Wein austeilen durften, teilte ich nicht. Zu selbstverständlich war dem Protestanten in mir der Gedanke, dass Jesus das Mahl allen geschenkt hat – ohne Vorrechte für kirchlich eingesetzte Zelebranten. Aber als es soweit war, war ich überwältigt und gerührt. Wir tauschten Friedensgruß, Brot und Wein – für diese zwei Stunden bekam die Gemeinschaft, auf die wir zwei Tage hingearbeitet hatten, eine neue Qualität. Morgen schon würden wir abreisen in alle Richtungen – aber dieses Jahr haben wir gemeinsam begonnen.

Gebrochen wurde die fast mystische Erfahrung auch: Als nach der Eingangsliturgie der Abt mit Krummstab und einigen Ministranten einzog, habe ich mich nicht erhoben. Zwei Tage hatten wir gleichberechtigt diesen Gottesdienst vorbereitet – und jetzt setzte sich ein Abt auf einen besonderen Steinthron im Chorraum? Für mich blieb der Thron leer... frei für Christus selbst.

Ich weiß nicht, ob es von diesem Neujahrsgottesdienst Fotos gibt – sie würden mir nichts sagen. Alles was wichtig war, geschah dort: Die Erfahrung von Teilen, Gemeinschaft und Segen, der mich weit über den Abschied hinaus trug – in der Erinnerung vielleicht noch bis jetzt. Und die Entscheidung, nicht zuzulassen, dass Menschen Christi Thron einnehmen. Keine Verbeugung, sondern der aufrechte Gang.

Für Menschen, die bei einer Taufe oder Trauung in der Verwandtschaft zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einen Gottesdienst kommen, ist das gemeinsame Singen, Feiern und Beten oft zu dicht: Sie verkrümeln sich in der vorletzten Reihe, lassen das Handy angeschaltet oder gehen beim Segen raus. Nur nicht zu nahe sein – es könnte mich ja berühren, mir näher kommen als die vertraute Kinoleinwand.

Auch die Anspannung, alles ins Bild zu bannen, einen guten Ausschnitt für ein Foto zu wählen, dient dem Gewinnen von Abstand: Ein gutes Erinnerungsbild, dass diesen besonderen Moment einfängt, das will ich wohl. Aber jetzt dabei sein, jetzt das erleben, was kein Bild festhalten kann, das ertrage ich nicht. Keine Kamera wird mir diesen Moment und die Atmosphäre weitergeben können. Kein Foto wird meine Wünsche für den Täufling, meine eigene Sehnsucht und Ambivalenz festhalten. Kein Film wird zeigen, dass ich gemeint war mit dem Segen. Ob ich den Moment annehme oder ihn ablehne: Beides könnte mir Kraft geben. Aber für beides müsste ich jetzt ganz da sein. Mehr als nur ein Zuschauer, ein Beteiligter müsste ich werden, mich und meine spontane Reaktion ernst nehmen – statt im Kopf zum nächsten Termin oder zum Foto zu springen.

In einem antiken Krankenhaus trifft Jesus auf einen chronisch Kranken, der nach 38 Jahren alle Hoffnung verloren hat. „Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?“ Der Kranke klagt, dass ihm doch niemand helfen kann, dass er nie rechtzeitig zum heilenden Wasser komme. Jesus spricht: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

Jesus sagt nicht: Schau genau hin, präge dir das ein. Jesus spricht: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.“

Am Ende gibt es keinen Weg, das Beten zu lernen, als selbst zu beten. Kein Foto und keine Geste wird mir beim Glauben helfen. Niemand wird mich an das Wasser bringen, das mich heilen könnte, solange ich nur Zuschauer meines Lebens bleibe. „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“