von Kai Fuchs,
Fachstelle Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Dekanat Rodgau
Sommerzeit ist Reisezeit. Viele zieht es dieser Tage an die Strände dieser Welt. Ob Phuket oder Pellworm, Rügen oder Rimini. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie viele, die dort im Sand auf- und abgehen, den Strand mit ihren Augen absuchen? Eine bunte Muschel, ein schöner Stein. Finderglück lässt sie übers ganze Gesicht strahlen. Es geht dabei nicht um materiellen Reichtum, sondern um die Sehnsucht, etwas Schönes zu finden: einen Beleg, dass in dieser Welt auch Gutes wohnt.
Viele dieser Funde nehmen wir mit heim – in die Wohnzimmervitrine, auf den Büroschreibtisch, ins kleine Schatzkästchen unter dem Bett im Kinderzimmer.
Manche besuchen auch Kirchen. Ob es ihnen auch so geht wie mir, wenn ich einen alten Dom in der Toskana betrete? Fremde und doch irgendwie vertraute Bilder und Figuren. Ich wünschte mir, all die Symbole und Allegorien verstehen zu können, die Künstler und Baumeister vor Jahrhunderten hinterlassen haben. Die angezündete Kerze brennt noch bis in den Abend für die Sehnsucht des Herzens, Gott zu finden – oder von Gott gefunden zu werden.
Es ist die gleiche Sehnsucht, die uns treibt, uns nach Muscheln zu bücken und Kirchentüren zu öffnen. Die Sehnsucht, etwas zu finden, das bleibt. Etwas, wovon wir künftig leben können, was uns erfreut, tröstet, Kraft gibt.
Die Bibel erzählt oft von solchen Dingen. Zum Beispiel der Evangelist Matthäus, der uns von Jesus zwei Schatz-Gleichnisse überliefert:
"Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.
Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie."
Die kostbarsten Schätze im Leben finden. Manche können Tage und Stunden benennen, an denen das passiert ist: den Mann oder die Frau fürs Leben. Die Geburt des Kindes. Ein Verständnis von Gott.
Unser ganzes Leben besteht aus dem Kreislauf von Suchen und Finden, von Gesucht- und Gefundenwerden. Wer einen Schatz gefunden hat – vielleicht auf dem Dachboden oder dem Flohmarkt – geht damit zuweilen zum Fachmann, um den wirklichen Wert seines Fundes schätzen zu lassen. Was käme wohl dabei heraus, wenn wir unser Geborgensein, unsere Sehnsucht nach der heilen Welt, nach dem Himmelreich im Laden schätzen ließen?
Die beiden Gleichnisse Jesu betonen nicht den Wert, sondern den Vorgang – den Weg, nicht das Ziel. Sie binden Finder und Fund zusammen an dem Ort, wo ein Mensch lebt und arbeitet. Sie ziehen keine Trennlinie zwischen Acker, Schatz und Finder. Sie fragen nicht nach dem Wert an sich, sondern: Was ist es DIR in diesem Moment wert?
Die meisten unserer Gottesdienstbesucher holen sich am Sonntag Kraft und Ermutigung für die ganze Woche aus dem Bewusstsein, Gottes Kind zu sein und nicht nur ein Rädchen im Betrieb. Viele engagieren sich ehrenamtlich in unseren Gemeinden und finden in ihrem Einsatz und ihrer Aufgabe eine Erfüllung. Nach wie vor entdecken junge Menschen in der Kirche Anknüpfungspunkte für ihren eigenen Glauben.
Finder, Fund und Fundort gehören zusammen. Ohne mich und ohne die Erinnerung an den Strand ist die Muschel nur geformter Kalk. Und auch das Himmelreich ist keine Größe außerhalb der Welt, kein Urlaubsziel der Zukunft, sondern in uns lebendig: „Mitten unter euch“, sagt Jesus.
Alles zu positiv? Stimmt! Wir haben uns noch nicht überlegt, wie viele tausend Hektar der arme Landarbeiter mühsam durchpflügt hat, bevor er seinen Schatz fand, oder mit welcher Verzweiflung der Perlenhändler geprüft und verworfen hat, bis ihn der ersehnte Fund endlich zur Ruhe kommen ließ.
Gleichnisse sind für Menschen auf der Suche gedacht. Sie sollen denen Hoffnung geben, die an der Last des Lebens leiden. „Auch du kannst zu denen gehören, die finden, was ihr Herz sucht“, raunen sie uns zu. „Gott lässt sich in jedem Leben finden.“ Quasi auch im steinigsten Acker. Nur Suchen muss man ihn halt schon, und über Ort und Zeit bestimmen wir nicht selbst.
Suchen öffnet automatisch. Und wer gefunden hat, weiß: Eigentlich hat mein Schatz mich gefunden; ich habe mich nur dafür geöffnet, gefunden zu werden. Das Finden unterliegt nicht unserer Kontrolle, das Suchen sehr wohl. Das nennen wir Christen „Gottes Gnade“, und Gott sagt: Sucht, und ihr werdet mich finden!
„Mein Schatz“, nennen sich Liebende. Schade, wenn dieses Bekenntnis auf dem Lebensweg verstummt. Wie herrlich aber, wenn man sich immer wieder neu gegenseitig entdeckt. In unserer Beziehung mit Gott ist das genauso – wir sind stets Beides in einem: Schatz-Sucher und solche, die gefunden werden. In dieser Spannung müssen – nein! – dürfen wir leben.