Gedanken zur Jahreslosung aus dem Zweiten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 12, Vers 9,
von Pfarrer Carsten Tag, Dekan des
Evangelischen Dekanats Rodgau
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“: So lautet der Vers aus dem 2. Buch an die Korinther, der für das Jahr 2012 als Jahreslosung ausgewählt wurde. Mich spricht das Paradoxe, das Widersprüchliche an, das für mich in diesen Worten steckt: Wie, bitte schön, kann in den Schwachen zugleich eine Kraft stecken, die diese sogar mächtig macht? Schließen sich die Begriffe von „Schwachen“ auf der einen Seite und „Kraft“ sowie „mächtig“ auf der anderen Seite nicht vielmehr aus?
Zumindest sagt mir dies meine Alltagserfahrung, die von einem „entweder oder“ geprägt ist: entweder bin ich stark oder ich bin schwach, entweder kraftvoll und mächtig oder ich habe quasi schon verloren. Und mal ganz ehrlich: Wenn ich die Wahl habe, fällt sie mir nicht schwer. Oder stehen Sie gerne auf der Seite derjenigen, die im Beruf oder allgemein im Gesellschaftsleben als Verlierer oder als gescheiterte Existenz angesehen werden?
In den Worten Jesu allerdings wird dieses „entweder oder“ aufgehoben, indem sie betonen: Gerade in den Schwachen ist die Kraft Gottes besonders wirkmächtig. Gerade dann, wenn ich in den Augen vieler als Verlierer dastehe, gehöre ich vor den Augen Gottes zu den bedingungslos Angenommenen und damit zu den „Gewinnern“.
Die Kreuzigung Jesu ist dafür das erste und beste Beispiel: Am Kreuz, dem Ort der für uns Menschen größtmöglichen Schwachheit, offenbart Gott seine größte Kraft, indem für alle sichtbar wird: In Gottes Wirklichkeit ist der Tod und damit die Begrenzung menschlichen Lebens aufgehoben und besiegt. Das Kreuz markiert so nicht das Ende, sondern hält den Himmel für uns und für die gesamte Schöpfung offen.
So verstanden, laden die Worte der Jahreslosung mich dazu ein, immer wieder einmal inne zu halten in meinem oft alltäglichen Kampf, „stark“ zu sein: Vor Gott muss ich nicht mit meinen Leistungen und meinen vermeintlichen Erfolgen brillieren. Ich darf mich zeigen, wie ich bin: Immer wieder auch fehlbar, schwach und mit meinen Grenzen konfrontiert.
Das bedeutet für mich allerdings nicht, etwa in meiner Fehlerhaftigkeit stecken bleiben zu wollen. Es ruft mich vielmehr dazu auf, aus meiner eigenen Fehlbarkeit und Begrenzung auch und immer wieder zu lernen.
Als eine ganz praktische Frage ergibt sich daraus für mich die Überlegung, wie es uns zum Beispiel im Dekanat noch besser gelingen kann, miteinander und von einander zu lernen und so im Dekanat als „lernende Organisation“ unterwegs zu sein. Meine tiefe Überzeugung dabei ist: Gerade wenn ich bereit bin, anderen ehrlich und von der Grundhaltung her wertschätzend eine Rückmeldung zu geben – vor allem wenn mich etwas stört, aber nicht nur! – und grade wenn ich auch bereit bin, solches von anderen zu hören und in mir wirken zu lassen, gerade dann sind wir auf einem guten Weg.
Auf dem Weg, auf dem wir zusammen und jeder und jede an seinem und ihrem Ort aufgerufen sind, dem Auftrag nachzukommen, den wir als Evangelische Kirche haben: Für die oftmals Hilflosen und Entrechteten dieser Welt einzutreten und den Sprachlosen Sprachrohr zu sein. Notwendigkeiten dazu wird es auch im neuen Jahr – leider Gottes – mehr als genug geben.
Amen.